Sternstunden I.: Gallery Weekend und Walpurgisnacht mit Berlin-Woman

Wedding, Tiergarten und dann doch Mitte

Foto: Berlin-Woman

Dieses Jahr beginnt das Gallery Weekend am Freitag in der Walpurigsnacht. Wohin geht´s: Nach Berlin-Mitte auf gar keinen Fall, dort sind doch nur die Kunsttouristen und Mainstreamer. Wir dagegen haben die exklusivsten, speziellsten und hippsten Einladungen in der Tasche. In unserem Kalender stehen nur die besten Geheimtipps, Insideradressen und „In“-People.

Wir starten im Wedding, einem ehemaligen Arbeiter- und jetzt aufstrebenden Viertel im Norden Berlins. Tolle Höfe gibt´s, schick auf Vordermann gebracht, großzügig, mit viel Grün. Hat was von Paris. Vor zehn Jahren haben Künstler/innen mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo und dem Quartiersmanagement die „Kolonie Wedding“ gegründet. Aus den leerstehenden Ladenlokalen und Gewerberäumen wurden Ateliers und Ausstellungsräume. Regelmäßige Kunstwochenenden gehören nun zum festen Programm.

Im „Artport. Contemporary“ treffen wir Ariane Blankenburg. Seit 2004 bestreitet die Galeristin, studierte Kunsthistorikerin und Performancekünstlerin die Galerie, die sie gerade im Abriss-Stil renoviert hat. Und sie tut es aus eigener Kraft und total professionell mit 12 Ausstellungen im Jahr. Bei Ariane denken wir sofort an Andy Warhol´s Factory, an die coolen Girls der 1960er Jahre, an Fashion, Kunst und Video. Die 31jährige bringt einen Hauch von New York in die kleine Biesenthaler Wohnstraße. Ihre derzeitige Künstlerin ist die Südafrikanerin Nicky Broekhuysen (*1983), die in Neuseeland und China gelebt hat, bevor sie 2008 nach Berlin kam. Nicky ist besessen von Zahlen und Systemen. Sie stempelt die „1“ und „0“ und formt und deformiert daraus Symbole, Strukturen und Ordnungen. „Wenn du die Ordnung störst, entsteht eine neue“, sagt Nicky, die findet, dass die Lage der Künstler/innen in Berlin so ist, wie „everywhere in the world“. Bevor wir gehen, hat Ariane noch einen Wunsch frei: „Der ´Artport´ soll mobil werden, eine Art ´Import-Export´“. Viel Glück und auf bald.

Foto: Berlin-Woman

Im „Kulturpalast Wedding International“ begegnen wir Isabelle Krieg (*1971) und Meike Doelp (*1970), die Objekte und Zeichnungen ausstellen. Ihre Gemeinschaftsarbeit zieht uns gleich in den Bann. Ein Riesenmobilé mit Luftballons, einem gestrickten Schal, Zetteln und anderen netten und seltsamen Alltagsgegenständen dreht sich mitten im Raum. Es zeigt uns die Möglichkeit, das Alltägliche von der spielerischen und luftigen Seite her zu sehen. Isabelle, eine gebürtige Schweizerin, kam 2009 von Rom nach Berlin. Die Stadt inspiriert, meint sie, aber die Künstler/innen müssen fast alle nach dem Motto „Häbchläb“ (Halten und Kleben) leben, was soviel, wie „von der Hand in den Mund“ heißt. Meike ist seit 2003 in Berlin. Ihr zweites Standbein, die Kulturarbeit, verlangt ihr viel Zeit ab. Sie hält die soziale Künstlerförderung, wie sie längere Zeit in Bremen (Hallo Bremen) angeboten wurde, für eine prima Alternative zum Hartz4-Modell für die Kreativen und Künstler/innen unserer Stadt.

Da leider ein paar Locations trotz Ankündigung geschlossen oder aber die Videos nicht eingetroffen sind, wechseln wir das Quartier. Es geht in die alte Mitte, zum „Haus am Lützowplatz“ im Tiergarten. Perfekter könnte die Lage der Villa des Förderkreises Kultur Berlin e.V. zwischen der Westmeile „Tauentzien/Kurfürstendamm“ und dem Botschaftsviertel nicht sein. Neidisch schaut man vom nachbarlichen Flaggschiff der CDU zum gründerzeitlichen Kulturhaus, das mit einer Stahltreppe und anderen modernen Einbauten innovative Bürgerlichkeit demonstriert. Seit Jahren ermöglichen die Mieteinnahmen alle Vereinsaktivitäten, und was ist heutzutage noch krisensicherer?

Foto: Berlin-Woman

Heute Abend hat die vielseitige und emanzipierte Künstlerin und UdK-Professorin Valérie Favre mit ihrer Klasse zum „Tanz in den Mai“ eingeladen. Aktuell bespielen sie und ihre Schüler/innen die Ausstellungsäle, die Remise und den Garten. Hier wartet schon Maryna Baranovska auf uns. Umgehend müssen wir uns ihre Installation „Begegnung“ anschauen. „Ich bin mit meiner Kunst in den Garten gegangen, der für mich vorgesehene Platz im Gebäude war zu klein“, erzählt sie. Innerhalb von zwei Tagen hat sie einen Container aufgebaut, einen Kunstcontainer, in dem nun ihre Kunst „stattfindet“. An der Wand sind Hunderte von Büchern angebracht, aus Lautsprechern erklingen verschiedene Lesungen und Musik. Es sind Bücher, die lange Zeit in Kisten gelagert herumstanden, also nicht gelesen werden konnten. Das Institut francais hat sie Maryna gespendet. Die Literatur ist die Inspiration, sie ist das Leben. Maryna, die auch großformatige surrealistische Szenerien malt, filmt und die Künstlerbar „Place Clichy“ in Friedrichshain unterhält, kommt aus Kiew, hat in Paris und an der UdK Berlin studiert. Die 27jährige ist zur Zeit auf zahlreichen Gruppenausstellungen in Berlin vertreten, ab dem 22. Mai ist ihre Installation in vollem Umfang in der Galerie „enblanco“ in Berlin-Kreuberg zu sehen. Maryna, die seit 2003 in Berlin lebt, hält den ganzen Hartz4-Bürokratismus für kreativitätslähmend. Sie selbst musste immer für den eigenen Unterhalt sorgen. Haltet die Augen auf, von Maryna Baranovska werdet ihr noch einiges zu sehen bekommen.

Mittlerweile ist es nach 24:00 Uhr. Die Sterne sind aufgegangen, die Hexen sind schon auf dem Brocken und weil die Künstler/innen zwar auch im beschwipsten Zustand furchtbar kreativ sind, aber den Maischwof vergessen haben, treffen wir eine spontane Entscheidung. Wir gehen jetzt doch noch in Berlin-Mitte tanzen … Fortsetzung folgt.

Artport Contemporary, Biesenthaler Str. 16, 13359 Berlin. Kulturpalast Wedding International, Freienwalder Str. 20, 13359 Berlin. Haus am Lützowplatz, Förderkreis Kulturzentrum Berlin e.V., Lützowplatz 9, 10785 Berlin.

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