Mädchen in Uniform, Sophie Rois in Berlin

Ort: Deutsches Theater

Es geht zu wie auf dem Schwarzmarkt. Wir stehen herum und warten auf die „heiße Ware“. Immer wieder hat ein anderer Glück. Hoffentlich klappt es auch bei mir. Und tatsächlich, ein Gentleman mit Basecap hat für Berlin-Woman eine Karte ergattert. Ein schöner Auftakt für diesen spannenden Theaterabend. Auf dem Programm der Berliner Autorentage stand nämlich gestern „Mädchen in Uniform“ mit Sophie Rois in der Hauptrolle. Sophie Rois hat ja meine „Tatort“-Phobie aus dem Weg geräumt. Legendär ist sie als Erika Mann. Die spröde, quirlige und zugleich zarte Schauspielerin zählt schon lange zu meinen Heldinnen.

Von dem ursprünglichen Theaterstück, das Christa Winsloe 1930 geschrieben hat, und das u.a. mit Romy Schneider und Lilo Pulver glanzvoll verfilmt wurde, ist nicht mehr viel übrig. Der Regisseur und Autor René Pollesch hat die unglückliche Liebesgeschichte zwischen einer Internatslehrerin und -schülerin in ziemlich abgedrehte Gespräche zwischen Manuela von Meinhardis, ihren Gefährtinnen und einem Chor umgemünzt.

Sophie Rois alias Manuela ist verzweifelt: Sie hat sich in den Chor verliebt, spielt mit dem Rücken zum Publikum, sucht den Zuschauer, vermisst den Backstage-Bereich und findet sich nicht mehr zurecht. Der Chor, 10 identisch kostümierte und sprechende Akteurinnen, steht ihr Rede und Antwort. Ihr hochgestochenes Gequatsche klingt wie Zitate aus einem kulturwissenschaftlichen Aufsatz: Indidivudalität als Zwang und Drill, der Sinnverlust durch kulturelle Arbeit und die Allesverwertung der Stars und der Bühne. Auch das Nasebohren als kultureller Akt gehört dazu.

Aber das Publikum sitzt ja mit auf der Bühne und schreibt eigene Stücke, erwidert Sophie Rois und schaut in den großen Kulissenspiegel, der den Zuschauerraum verdoppelt. Das Publikum ist falsch und nicht die Schauspieler. Von daher werden wir aufgefordert, doch lieber gleich Jura zu studieren, anstatt Kreativität: das Theaterspielen, Malen und Dichten im Lagerzustand zu betreiben. Denn hier im Internat würden Rois und Co. nur die Rolle der „exaltierten Künstlerinnen“ erlernen, um dann in einer unmöglichen Gesellschaft und auf dem irrationalen Markt zu überleben. Darauf hat das Vaterland gewartet.

Die verquast intellektuellen Dialoge wären unerträglich, spielten Brigitte Cuvelier, Christine Groß und Sophie Rois nicht mit dieser Mädchenleichtigkeit und Selbstironie: „Du redest wie ein Buch“. Immer wieder bringen uns die identischen Sprüche und Bewegungen des Chors zum Lachen, auch sorgt er tanzender Weise für Abwechslung. Die Kostüme erinnern an die Verfilmung von 1958, zum Schluss trägt man/frau Nachthemd, Rois tritt in einem herrlich scheußlichen Schlafanzug in Pastellfarben auf. Das ganze Theater dauert nur eine Stunde und entlässt sein begeistertes Publikum in die frühlingshaften Straßen Berlins, der „Creative City“. Ein nachhaltiger Abend und wieder mal eine Sophie Rois in Höchstform!

Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung. Autoren Theatertage Berlin, 8.-17.4.2010, Deutsches Theater Berlin, Schumannstr. 13a, 10117 Berlin.

3 Gedanken zu „Mädchen in Uniform, Sophie Rois in Berlin

  1. „Mädchen in Uniform“ wurde u. a. mit Romy Schneider und Lilli Palmer – (nicht mit Lilo Pulver) verfilmt!

    Gruss Bruni

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