Kriegsheimkehrer der Bundeswehr

Die Soldaten sind zwischen 20 und 45, wenn sie mit der Bundeswehr ins Ausland gehen. Als Fernmeldetechniker, Sanitäter, Infanteristen, Kartographen u.a. wurden sie vor allem in den Kosovo und jetzt nach Afghanistan geschickt. Die Zahl der traumatisierten Heimkehrer wird auf 30 Prozent geschätzt.

Kriegstraumata: Schlaflosigkeit, Panik und Angstzustände, sind eines, aber nicht das einzige Thema der frisch erschienenen Interviewsammlung der Berliner Autorin Ute Susanne Werner. Gemeinsam mit ihrem Koautor Martin Ahrends hat sie Kriegsheimkehrer in ganz Deutschland ausfindig gemacht. Gegen den erheblichen Wiederstand der Bundeswehr und des Bundesverteidigungsministeriums, die den Soldaten die Zusammenarbeit mit dem Buchprojekt direkt verboten haben. Doch durch Mundpropaganda fanden sich Gesprächspartner. Die 19 Interviews geben uns Einblick in etwas, mit dem nur noch die ältere Generation in Deutschand vertraut ist: das Leben mit dem Krieg.

Die Soldaten berichten von völlig zerstörten Gebieten, wo an eine Aufbauarbeit erst einmal nicht zu denken ist. Sie beschreiben die Kriegsleiden und die Unterversorgung der Einheimischen. Sie sprechen aber auch von der großen Gastfreundschaft, vor allem in Afghanistan. Die Rede ist von einer teilweise schlechten militärischen Grundausstattung. Man erfährt, dass bis zu sechs Männer und Frauen in engen Schlafcontainern untergebracht werden. Die Soldaten haben entweder Tages- und Nacht füllende Einsätze, vor allem im Aufklärungs- und Propagandabereich, oder sie werden nur stundenweise gebraucht. Die freie Zeit vertreibt man sich mit Sport, Fotografieren, falls möglich Ausflügen, Tagebuch- und Emailschreiben. Nachrichten von Zuhause sind das Wichtigste, aber was, wenn der Vater im Sterben liegt oder die Freundin mit einem Schluss macht? Die Zusatzausbildung, die dem Auslandseinsatz vorausgeht, bereitet auf solche Situationen nicht vor. Die Soldat/innen müssen sich vor Ort Ansprechpartner suchen. Neben Psychologen und Seelsorgern gibt es Peers, Kameraden, die „ehrenamtlich“ als psychologische Ersthelfer arbeiten.

Wer sich für Auslandseinsätze meldet, hat kein kontinuierliches Leben. Viele Freundschaften, Partnerschaften und Ehen gehen kaputt. Man muss mit dem Tod guter Kameraden rechnen. Auch ist die berufliche Existenz von unfreiwilligen Pausen und Brüchen gekennzeichnet. Trotzdem zeigt sich der Großteil der Interviewpartner vom Dienst am Vaterland überzeugt. Einer der interessantesten Beiträge stammt von einem Paar. In Sarajevo stationiert bekamen sie ein gemeinsames Zimmer, doch ein ziviles Pärchendasein war nicht drin. Unterschiedliche Aufgaben und ein unterschiedliches Engagement haben jeden in die eigene Rolle hineinwachsen lassen. Gleichzeitig stellte sich ein größeres Verständnis füreinander ein. Die Frau hat nun ohne den „starken Partner“ an ihrer Seite weitere Einsätze vor.

Selbst wenn man die umstrittene Auslandspräsenz der Bundeswehr nicht befürwortet, lassen die Interviews die Menschen und ihre vielfältigen Gründe hinter den Kampf- und Kriegshandlungen erkennen. Das Buch ist ein Glanzstück unter den vielen soldatischen Erfahrungsberichten, die in letzter Zeit den Markt überschwemmen. Berlin-Woman gratuliert der mutigen Herausgeberin, die nun auch in Alice Schwarzers aktuellem Blog-Beitrag über die Problematik der deutschen Kriegseinsätze und der Rolle Angela Merkels genannt wird.

Ute Susanne Werner (Hrsg.), „Ich krieg mich nicht mehr unter Kontrolle“. Kriegsheimkehrer der Bundeswehr, Fackelträger Verlag Köln 2010. ISBN 978-3-7716-4438-3

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