Luise und Friederike, First Ladies in Berlin-Mitte

Nachdem man sein Osternest unterm Sofa gefunden hat, ausreichend shoppen war und mit den Touristenströmen am Kudamm und Unter den Linden flanieren gegangen ist, braucht man eine Auszeit. Die nimmt sich Berlin-Woman in der Friedrichswerderschen Kirche gegenüber dem Auswärtigen Amt. Der auffällige rote Backsteinbau sieht mittelalterlich aus, stammt aber aus der Zeit von Luise, der preußischen Königin. Die Kirche wurde von Carl Friedrich Schinkel entworfen, dem Haus- und Hofarchitekten der Hohenzollern. Schinkel hat z.B. auch Luises rosa Schlafgemach im Schloss Charlottenburg designt. Die Friedrichswerdersche Kirche ist eine Filiale der Nationalgalerie. Hier sind Statuen aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt, vor allem von der damals angesagten Berliner Bildhauerschule. Mitglieder waren Emil Wolff, Friedrich Tieck, Christian Daniel Rauch und Johann Gottfried von Schadow. Nebenbei bemerkt: Die berühmte Bildhauerin Elisabeth Ney gehörte auch dazu, ist aber nicht ausgestellt.

Es hat was, bei freiem Eintritt und in Ruhe zwischen den Mamorskulpturen und -büsten umherzugehen. Man kann auf die hölzerne Galerie hinaufsteigen, den Raum von oben bewundern und dort eine Dokumentation über Schinkel anschauen. Das ist aber nicht alles. Die Kirche beherbert ein Highlight, und noch ist es ein Geheimtipp. Hier steht nämlich das Originalmodell der Prinzessinnengruppe „Friederike und Luise“. Schadow hat es 1794 entworfen und aus Gips gefertigt. Die Schwestern tragen die Mode ihrer Zeit, weich fließende lange Gewänder aus dünnem Stoff, unter dem sich die Körperformen abzeichnen. Richtig sexy, diese Antikenmode. Arm in Arm und wie lebendig stehen die preußische Königin und die Frau des Königsbruders Louis vor uns. Luise versucht sich schon in etwas Würde. Friederike, die mit Liebesaffairen und einem lockeren Lebenswandel für Skandale sorgte, posiert dagegen ganz unprätentiös. Der preußische König mochte die lockre Darstellung gar nicht. Lange Zeit wurde sie der Öffentlichkeit vorenthalten. Jetzt gibt es einige Kopien, auch kann man die Prinzessinnen als kleine Statuen für den Hausgebrauch kaufen. Das Gipsmodell, das nicht die Kälte und Glätte des Marmors hat, ist jedoch am schönsten. Es vermittelt uns die beiden First Ladies als junge, moderne Frauen, die neugierig auf das waren, was ihnen Politik und Leben alles so bringen würde.

In die Friedrichswerdersche Kirche verirren sich nur ein paar Touristen. Ansonsten gehört einem dieser zeitlose Ort allein.

Friedrichswerdersche Kirche, Werderscher Markt, 10117 Berlin

 

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